Kolloquien

Dix und die klassizistische Tradition. Eine Spurensuche zwischen Altmeisterlichkeit und Romantikrezeption
Christian Drobe

Christian Drobe schloss zunächst an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ein Studium der Germanistik und Geschichte mit dem Magistergrad ab, bevor er nach einem Museumsprojekt in Thüringen 2012 zur Kunstgeschichte kam. Am kunsthistorischen Institut hat er im März 2015 seinen Masterabschluss mit einer Arbeit zur Kunst und Literatur der konservativen Moderne bei Rudolf Schlichter und Ernst Jünger abgelegt. Bei Prof. Dr. Olaf Peters ist ein darauf aufbauendes Dissertationsprojekt über die Klassikrezeption in der Moderne entstanden. Gleichzeitig ist er seit Oktober 2015 Inhaber eines Graduiertenstipendiums der MLU Halle-Wittenberg. Außerdem kuratierte er 2015 eine Ausstellung zu Jacques Callot, die von April bis Juli im Kupferstichkabinett der Martin-Luther-Universität zu sehen war. Seine Forschungsinteressen umfassen die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Fach- und Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte und die Grafik des 17. Jahrhunderts.


Zusammenfassung des Beitrags, der im Rahmen einer von Christian Drobe vorbereiteten Dissertation veröffentlicht werden wird

Dix war kein klassizistischer Meister. Er besaß weder eine Affinität zur klassisch-humanistischen Bildung, noch hat er sich je erkennbar an der Antike orientiert. Die wichtigste Bezugsgröße in seinem Werk war die altdeutsche Malerei. Verwandt fühlte sich „Hans Baldung Dix“ (George Grosz) neben Dürer oder einem Jörg Ratgeb vor allem Grünewalds Werk, allen voran dem Isenheimer Altar und seiner Ästhetik des Schreckens. Vorbildlich war ihm gleichsam die Kunst der deutschen Romantik aus der Zeit um 1800, wie die berühmten Kinderbilder im Stile Philipp Otto Runges bezeugen. Auf ähnliche Weise rezipierte Dix nach den Erlebnissen des Ersten Weltkriegs das Werk Francisco de Goyas, eine Erfahrung, die er schließlich 1924 in der berühmten Kriegsmappe verarbeitete.

Gerade vermeintliche Außenseiter wie Goya, Grünewald oder Runge konnten ihre Ästhetik in Absetzung von klassizistischen Maximen entwickeln. Als Gegenentwurf gehörte deren Antiklassizismus wesentlich zum Konstitutionsmoment der Moderne um 1800 dazu. In diese Tradition hat sich Otto Dix mit seinem Werk eingeschrieben. Bedeutete die Moderne also in der einen Richtung Traditionsbruch, von Klassizismen fehlte jede Spur, suchte sie sich schnell einen eigenen, bald klassisch werdenden Fundus an Vorbildern.

Überraschen mag daher, dass Dix im rechten Flügel des berühmten Kriegstriptychons ausgerechnet die antike Pasquino-Gruppe zitiert. Die lange Beschäftigung mit den fragmentierten und versehrten Körpern der Weltkriegszeit mündete letztlich in die Gestalt einer großen, klassisch-humanistisch geprägten Pathosformel. Spätere Werke, wie das für Fritz Niescher ausgeführte Wandbild Orpheus und die Tiere, bezeugen gleichsam den Wunsch nach Ruhe, Verständigung und Frieden. Inwiefern also Otto Dix zwischen der altmeisterlichen wie romantischen Tradition der Moderne auch klassische Bildthemen verarbeitete, ist Gegenstand des Beitrags.