Architektur

Die Erweiterung des Musée Unterlinden von Jacques Herzog & Pierre de Meuron

Wie haben Sie die Erweiterung des Museums und die Vergrößerung der Ausstellungsflächen konzipiert?

Bei unserem Projekt für die Erweiterung des Musée Unterlinden sind wir von zwei Einheiten ausgegangen, die sich auf dem künftigen Place Unterlinden gegenüberstehen: auf der einen Seite das mittelalterliche Kloster mit der Kapelle, in sich der Grünewalds Isenheimer Altar befindet, und auf der anderen Seite der neue Flügel als Pendant der Kapelle – seine Volumetrie entspricht derjenigen der Kapelle –, der mit dem Gebäude des ehemaligen Stadtbades einen zweiten Hof auf der anderen Seite des Place Unterlinden bildet. Zwischen den beiden Einheiten liegt das sogenannte „Kleine Haus“, die Interpretation eines Gebäudes, das den Eingang des alten Klosterbauernhofes markierte. Es steht für die Präsenz des Museums in der Stadt. Das Kloster und der neue Flügel werden durch eine unterirdische Passage verbunden. Diese Passage, die aus drei aufeinanderfolgenden Ausstellungsräumen besteht, durchquert das kleine Haus.

Wie haben Sie Ihre Vorstellungen in architektonischer Hinsicht entwickelt?

Wir haben nach einer urbanen Konfiguration und einer architektonischen Sprache gesucht, die sich in die Altstadt integriert, aber bei genauerem Hinschauen auch ihren zeitgenössischen Charakter offenbart. Der neue Museumseingang in der Platzmitte gegenüber dem Sinn-Kanal ist auf das Kloster ausgerichtet, dessen Fassade behutsam renoviert wurde. Die Renovierungsarbeiten wurden in enger Zusammenarbeit mit den Architekten des französischen Denkmalamtes unter der Leitung von Chefarchitekt Richard Duplat geplant und ausgeführt.

Notwendigerweise sind in dem Projekt drei Dimensionen eng miteinander verbunden: die städtebauliche, die museografische und die architektonische Dimension. Sowohl von seiner Architektur als auch von seinen Sammlungen her ist das Museum Teil der Geschichte der Stadt. Diesen Zusammenhang macht das Projekt in einer neuen architektonischen Synthese sichtbar, dank der das Museum in die Zukunft projiziert werden kann.

Wie haben Sie die Verbindung zwischen Museum und Stadt wieder hergestellt?

Es empfahl sich, dem Place Unterlinden und dem Place de la Sinn besondere Aufmerksamkeit zu schenken und umfassende Überlegungen über die Umgebung des Museums anzustellen. Es ging darum, die Außenanlagen zu harmonisieren, um die städtebauliche, architektonische und funktionale Einheitlichkeit des Projekts zu gewährleisten und gleichzeitig seine Eingliederung in den erweiterten Kontext des geschützten Sektors zu fördern.

Folglich war die Neugestaltung des Place Unterlinden integraler Bestandteil des Erweiterungsprojekts. Es ging nicht darum, diesen Raum mit einer modernistischen oder zeitgenössischen Architektur zu füllen; vielmehr waren wir bestrebt, Elemente des historischen Gewebes der Stadt teilweise wiederherzustellen. Dazu gehört die Wiedereröffnung des Sinn-Kanals, der zum zentralen Element des neuen öffentlichen Platzes wird. Der Place Unterlinden hat seine in der Geschichte verankerte Bedeutung wiedererlangt, aus der Zeit, in der die Ställe und der Hof eine Einheit namens „Ackerhof“ bildeten, die sich gegenüber dem Kloster befand. Was vor der Renovierung des Museums ein Busbahnhof und ein Parkplatz war, ist heute ein neuer öffentlicher Platz in der Stadt.

Wie haben Sie sich das neue Gebäude des erweiterten Museums vorgestellt?

Der neue Flügel nimmt das Volumen der Dominikanerinnenkapelle auf und erinnert an eine archaische Architektur, ohne sie nachzuahmen. Durch die Mauern aus gebrannten Ziegeln entsteht der Eindruck einer Rauheit, die sehr modern anmutet und das Gebäude in seinen historischen Kontext im Zentrum von Colmar einbettet. Das Dach und der abgeschrägte Giebel sind aus Kupfer. Für das kleine Haus auf dem Platz wurden die gleichen Materialien verwendet.

Auf drei Geschossen nimmt der neue Flügel nicht nur die Sammlungen des 20. und 21. Jahrhunderts auf, sondern bietet auch Platz für Sonderausstellungen. Mit ihm wird die Ausstellungsfläche um 1000 m2 erweitert. Die Öffnungen geben den Ausblick auf bestimmte Ansichten der Stadt frei und dienen so auch der Orientierung. Gleichzeitig lassen sie hier und dort natürliches Licht ein. Diese Fenster verwandeln sich von einer rechteckigen Form im Inneren zu einem Spitzbogen an der Fassade.

Die Verbindung zwischen dem alten Stadtbad und dem neuen Flügel wird im ersten Stockwerk hergestellt. Der große Raum des Stadtbades ist Veranstaltungen vorbehalten und wird gelegentlich Kunstinstallationen aufnehmen, die keine Temperaturbehandlung benötigen. Damit wird das Stadtbad zu einem Ort, der von den Colmarern im Rahmen von unterschiedlichen Events besucht und benutzt wird.

 

Der Place Unterlinden: Kleines Haus, Stadtbad und der neue Flügel, der sogenannte Ackerhof. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Der Place Unterlinden: Kleines Haus, Stadtbad und der neue Flügel, der sogenannte Ackerhof. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Der neue Flügel, genannt Ackerhof, vom Obstgarten des Museums gesehen. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

Der neue Flügel, genannt Ackerhof, vom Obstgarten des Museums gesehen. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

 

Der Veranstaltungsraum im Stadtbad. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

Der Veranstaltungsraum im Stadtbad. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

 

Sollte das Projekt den Besuchern auch die Möglichkeit bieten, die Museumsgebäude neu zu entdecken?

Durch die Entfernung der museografischen Strukturen der 80er Jahre wurden die Räumlichkeiten weitgehend in ihren früheren Zustand zurückversetzt. Wir haben alte Holzdecken freigelegt und Fenster mit Ausblick auf das Kloster und die Stadt, die lange zugemauert waren, wieder geöffnet. Das Kirchendach wurde saniert und ein neuer Fußboden gelegt. Eine Wendeltreppe, die sich nicht unmittelbar als neues Bauelement zu erkennen gibt, führt den Besucher zur unterirdischen Passage, die das Kloster mit dem neuen Flügel verbindet.

Für die Passage und das neue Ausstellungsgebäude, in denen die Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts gezeigt werden, haben wir uns für eine abstrakte, zeitgenössische, sehr weiße Architektursprache entschieden. Mit seinem Giebeldach und einer außerordentlichen Höhe von 11,50 Metern erinnert das Volumen des Raumes für Wechselausstellungen im zweiten Stockwerk des neuen Flügels an die gegenüberliegende Dominikanerinnenkapelle.

 

Blick vom Eingang zur Orientierungsstelle. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Blick vom Eingang zur Orientierungsstelle. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Die Orientierungsstelle und die Treppe zur Passage. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Die Orientierungsstelle und die Treppe zur Passage. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Die Treppe zur Passage. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Die Treppe zur Passage. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Der Raum für Wechselausstellungen, Ackerhof. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

Der Raum für Wechselausstellungen, Ackerhof. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

 

Welche Museografie haben Sie für die neue Präsentation der Sammlungen des Museums erdacht?

Die Museografie, die in enger Zusammenarbeit mit Jean-François Chevrier und Elia Pijollet und in ständigem Dialog mit den Konservatoren des Musée Unterlinden entwickelt wurde, geht Hand in Hand mit der Architektur. Der Isenheimer Altar bleibt in der Klosterkapelle, die jetzt heller und puristischer ist. Er wird jetzt in schlichten Stahlstrukturen präsentiert, die die bemalten Holztafeln hervorheben und den Status des Altars als Kunstwerk betonen. Die Beleuchtung des Altars wurde ebenfalls überdacht.

In den Räumen im Erdgeschoss, die das Kloster umgeben, werden Gemälde, Skulpturen, kleine Altäre sowie unterschiedliche Werke vom 11. bis zum 16. Jahrhundert gezeigt. Die archäologischen Sammlungen sind im Untergeschoss untergebracht. Die unterirdische Paassage besteht aus einer Folge von drei sehr unterschiedlichen Räumen. Zuerst wird die Geschichte des Musée Unterlinden dargestellt; es folgt eine Auswahl von Werken des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, die sich in den chronologischen Parcours einordnen. Im zweiten Raum werden drei Werke inszeniert, die eine besondere Bedeutung für das Museum haben. Dieser Raum, der unter dem Kleinen Haus liegt, ist der Brennpunkt des Museums, in dem Urbanismus, Architektur und Museografie konvergieren. Im Erdgeschoss und im erste Stockwerk des neuen Flügels wird die Kunst des 20. Jahrhunderts in chronologischer Reihenfolge gezeigt. In wandelbaren, durch Leisten gegliederten Räumlichkeiten, die das Volumen des Stockwerks organisieren und artikulieren, anstatt es einzukapseln, sind Werke oder Werkgruppen ausgestellt, die miteinander in Beziehung stehen.

 

Der Isenheimer Altar in der Klosterkapelle. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Der Isenheimer Altar in der Klosterkapelle. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Der Martin-Schongauer-Saal, Kloster. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Der Martin-Schongauer-Saal, Kloster. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Als Brennpunkt des Museums führt das Kleine Haus der unterirdischen Passage natürliches Licht zu und präsentiert drei emblematische Werke der Sammlungen des Museums: von Théophile Schuler, Georges Rouault und Claude Monet. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

Als Brennpunkt des Museums führt das Kleine Haus der unterirdischen Passage natürliches Licht zu und präsentiert drei emblematische Werke der Sammlungen des Museums: von Théophile Schuler, Georges Rouault und Claude Monet. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

 

Werke von 1830 bis 1930 in der unterirdischen Passage. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Werke von 1830 bis 1930 in der unterirdischen Passage. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Der Raum im Ackerhof, der den Werken von den 1930er bis zu den 1960er Jahren gewidmet ist. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

Der Raum im Ackerhof, der den Werken von den 1930er bis zu den 1960er Jahren gewidmet ist. Musée Unterlinden, Foto Ruedi Walti

 

Der Raum im Ackerhof, der den Werken von den 1960er Jahren bis ins 21. Jahrhundert gewidmet ist. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas

Der Raum im Ackerhof, der den Werken von den 1960er Jahren bis ins 21. Jahrhundert gewidmet ist. Musée Unterlinden, Foto Peter Mikolas