Kolloquien

Otto Dix’ illustrierte Meisterschaft
James A. Van Dyke

James A. Van Dyke erforscht seit mehr als zwei Jahrzehnten die politische Geschichte der deutschen Kunst im 20. Jahrhundert. 2010 erschien seine Monografie Franz Radziwill and the Contradictions of German Art History, 1919-1945, die die künstlerische Karriere des Malers Franz Radziwill zwischen den Weltkriegen mit seiner politischen Biographie verbindet. Darüber hinaus hat er Aufsätze und Artikel über bedeutende Künstler wie Ernst Barlach, Max Beckmann, George Grosz, Julius Paul Junghanns und vor allem Otto Dix, aber auch über Aspekte der Geschichte der deutschen Kunst während des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur veröffentlicht. Nachdem er als Übersetzer, Museumpädagoge und Kunsthistoriker in Deutschland gearbeitet hat, kehrte Van Dyke im Jahr 2000 in die USA zurück. Nach Stationen in Oregon und Ohio lehrt er seit 2010 Geschichte der modernen und zeitgenössischen Kunst an der University of Missouri, wo er Associate Professor ist.


Zusammenfassung des Beitrags, der im Rahmen einer von James A. Van Dyke vorbereiteten Publikation veröffentlicht werden wird

Als Maler im Zeitalter von Film und Fotografie scheint Otto Dix gegenüber den neueren Medien eine ambivalente Haltung angenommen zu haben. Einerseits zeigt sich Dix 1925 in seinem ersten Bildnis des Fotografen Hugo Erfurth sowohl als Inbegriff der Objektivität als auch als gefangener Djinn und betont 1961 die Oberflächlichkeit der Bildnisfotografie im Vergleich zur Malerei. Andererseits ist sein Leben, seine künstlerische Tätigkeit und sein Werk ohne Fotografie kaum vorstellbar. Schnappschüsse dokumentieren Familienurlaube, Treffen mit Freunden und andere besondere Ereignisse. Dix lässt sich bemerkenswert häufig von Studiofotografen, oft vor wichtigen Bildern und mehr oder weniger programmatisch, ablichten. Er geht ins Kino und lässt sich vom Kulturfilmmacher Hans Cürlis bei der Arbeit filmen. Gelegentlich nutzt er Fotos als Vorlagen und schätzt fraglos die Abbildung seiner Werke in Kunstzeitschriften sowie in populären Zeitschriften wie der Berliner Illustrirten Zeitung und Jugend.

Das Thema dieses Beitrags ist die fotografische Darstellung von Otto Dix als Maler in der illustrierten Presse. Im Blickpunkt steht das sorgfältig inszenierte, programmatische Porträt des Malers und Zeichners, das der Berliner Fotograf Bruno Schuch 1927 macht und das im selben Jahr im Rahmen eines Artikels über Künstler bei der Arbeit in der Zeitschrift Uhu erscheint. Doch werden auch weitere fotografische Porträts von Dix, die in Zeitschriften wie BIZ, Querschnitt, Das Leben und Revue des Monats veröffentlicht werden, berücksichtigt. Die Betrachtung dieser Fotos hat nicht nur mit Dix’ performativer Selbstdarstellung als Künstler im Laufe der 20er Jahre zu tun. Es handelt sich vielmehr um die Entstehung von beruflichen Überlebensstrategien deutscher Künstler während der Weimarer Republik angesichts der zunehmenden Bedeutung der Massenmedien auf der einen, der weitverbreiteten Wahrnehmung der gesellschaftlichen Isolierung und der damit einhergehenden Krise der Kunst auf der anderen Seite.