Kolloquien

Von Jägern und Heiligen. Otto Dix’ Zeichnungen im Chemnitzer Gästebuch von Otto Köhler Anfang der 30er Jahre
Gitta Ho

Gitta Ho promovierte an der Universität Hamburg im Fach Kunstgeschichte mit einer Dissertation zu George Grosz (George Grosz und Frankreich, Berlin, Reimer, 2016). Sie war wissenschaftliche Assistentin am Musée Unterlinden in Colmar, an der Technischen Universität Berlin, Lehrbeauftragte an der Universität François Rabelais in Tours und Stipendiatin am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den deutsch-französischen Kunstbeziehungen von 1800 bis zur Gegenwart.


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Die Zeit des Nationalsozialismus gilt als schwierige, wenn nicht gar als die schwierigste Phase im Schaffen von Otto Dix[1]. Nach der Machtergreifung entfernten die Nationalsozialisten den Künstler als einen der ersten Professoren aus seinem Amt, so dass er noch 1933 seine Anstellung an der Akademie der Künste in Dresden verlor. Mit seiner Professorenzeit endete für Dix eine Epoche, die er retrospektiv als die schönste seines Lebens bezeichnete. Auch räumlich markierte die Amtsenthebung in Dresden, gegen die Dix zunächst noch protestierte, einen gravierenden Einschnitt in seiner Laufbahn. Zwar wanderte Dix nicht ins Ausland ab, wie dies andere deutsche Künstler wie z. B. George Grosz und Max Beckmann taten, die beide in die USA gingen. Doch zog Dix es trotzdem vor, mit seiner Familie Dresden zu verlassen und sich am äußersten Ende Deutschlands am Bodensee anzusiedeln, an dem er bis zu seinem Lebensende wohnen sollte. Hier befand er sich in unmittelbarer Nähe der Schweiz, in die er sich während der Zeit des Nationalsozialismus im Ernstfalle schnell hätte flüchten können.

Auf Bildthemen, für die Dix von Seiten der Nationalsozialisten besonders angegangen wurde und zu denen v. a. Kriegsdarstellungen, aber auch Großstadtszenen zählten, verzichtete der Künstler ab 1933 in seinem Schaffen nicht vollständig, aber doch zu großem Teil. In den Vordergrund rückten stattdessen Motive, die den Künstler vorher weniger oder so gut wie gar nicht beschäftigt hatten. Dieser Wandel soll im folgenden an einem Dokument untersucht werden, dessen Entstehungszeit sich mit dem Zeitraum, in dem die Nationalsozialisten an der Macht waren, weithin überschneidet: dem von 1928 bis 1941 geführten Gästebuch des Chemnitzer Arztes Otto Köhler. Seit 1933 trug sich Dix v. a. mit Zeichnungen in dieses Buch, das sich noch heute in Familienbesitz befindet, ein[2].

Otto Köhler, Sammler und Freund

Bevor das Gästebuch selbst vorgestellt werden soll, aber noch einige Worte zum Gästebuchbesitzer Otto Köhler. Bei Otto Köhler handelte es sich um einen in Chemnitz ansässigen Kinderarzt, dessen großes Hobby das Jagen war und der sich außerordentlich für Kunst interessierte. 1933 bemühte sich Köhler um einen Abdruck von Otto Dix’ Nietzsche-Statue, die ihn sehr beeindruckt hatte, und im selben Jahr trafen er und Dix zum ersten Mal auch persönlich zusammen. Wie bereits erwähnt, war das Jahr 1933 für Dix ein sehr einschneidendes, da er seine Anstellung als Professor in Dresden verlor, was gleichzeitig bedeutete, dass er fortan auf andere Einnahmequellen angewiesen war. Private Förderer und Mäzene, zu denen Otto Köhler zählte, begannen, eine größere Rolle zu spielen. Sie kauften Dix in einer Zeit, in der ihm als „entartetem“ Künstler viele Einnahmequellen wegbrachen, Werke ab, vermittelten ihm Verkäufe an Personen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis und gaben nicht zuletzt auch selbst Arbeiten im Auftrag.

Die sicher wichtigste Auftragsserie, die Otto Köhler an Dix erteilte, war die über eine Reihe von Porträts von Familienmitgliedern. Den Auftakt bildete ein Porträt von Köhlers Frau Paula aus dem Jahr 1938 [Otto Dix, Porträt Paula Köhler, 1938, Mischtechnik auf Hartfaser, 84, 5 x 65 cm, Otto Dix Stiftung, Vaduz], das eine robuste Frau in ruhiger Pose an einem Tisch, der mit einer gemusterten Tischdecke bedeckt ist, zeigt. Sie trägt ein Oberteil ohne jegliche Accessoires und keinerlei Schmuck. Der schlichte Hintergrund lenkt den Betrachterblick auf das Gesicht der Frau sowie auf ihre sorgsam ineinander verschränkten Hände. Altmeisterlich ist ihr Name am oberen Rand des Bildes zu lesen.

Das Gemälde von Paula Köhler war in der Wohnung der Köhlers in der Nansenstr. 10 in Chemnitz neben einem Durchgang aufgehängt. Auf der gegenüberliegenden Seite hing als sein Pendant das Porträt, das Dix 1940 von Otto Köhler, ihrem Mann, schuf [Otto Dix, Porträt des Kinderarztes Dr. Otto Köhler als Jäger, 1940, Mischtechnik auf Holz, 85 x 46 cm, Privatsammlung][3]. Im Gegensatz zum Porträt von Paula Köhler bietet es mehr Details. Der Porträtierte ist vor dem Hintergrund eines Walddickichts dargestellt und verschiedene Attribute – der Jägershut ist hier zu nennen, vor allem aber das detailgetreu dargestellte Jagdgewehr – weisen ihn als passionierten Jäger aus.

Insgesamt zeichnet sich Dix’ Porträt von Otto Köhler durch eine kaum verzerrte, dem Abgebildeten gegenüber wohlwollende Darstellungsweise aus. Die wirklichkeitsgetreue Darstellung steht im Gegensatz zu Bildnissen, wie sie Dix Mitte der 20er Jahre schuf, als der Künstler zu den markantesten Porträtisten Deutschlands zählte[4]. Als Beispiel ist hier ein 1928, also gut zehn Jahre vor dem Köhler-Porträt entstandenes Porträt von Dix’ Malerkollegen Franz Radziwill zu nennen [Otto Dix, Bildnis des Malers Franz Radziwill, 1928, Tempera und Sand auf Sperrholz, 80,1 x 60 cm, Düsseldorf, Museum Kunstpalast]. Zu Recht hatte Radziwill im Vorfeld der Entstehung des Porträts keinerlei Lust empfunden, sich von Dix, der um das Bildnis gebeten hatte, malen zu lassen[5]. Mit dumpfem Blick, abgeflachtem Schädel, hängender Körperhaltung, halboffenem Mund und einem seiner Statur wenig günstigen Streifenpulli wird er auf dem Gemälde präsentiert. Von derart unschmeichelhaften Bildnissen sollte sich Dix in den 30er Jahren, wie das Porträt von Köhler zeigt, mehr und mehr entfernen.

Zeitlich zwischen den Bildnissen von Radziwill und Otto Köhler entstand eine Porträtzeichnung von Christa Köhler, dem einzigen Kind von Paula und Otto Köhler [Otto Dix, Porträt eines Mädchens (Ilse Christa Köhler), 1933, Silberstift, 51 x 45 cm, Zeppelin Museum Friedrichshafen – Technik und Kunst, Leihgabe der ZF Friedrichshafen AG]. Ein Gemälde, das Dix von Christa Köhler malen sollte und das die Bildnisse, die der Maler von ihrem Vater und ihrer Mutter geschaffen hatte, ergänzt hätte, kam trotz verschiedener Vorzeichnungen, die Dix von dem Mädchen machte, nie zustande.

Das Köhler’sche Gästebuch

Die Porträtzeichnung, die Otto Dix von Christa Köhler schuf, stammt aus dem Jahr 1933. Zu jener Zeit verbrachte Dix zum ersten Mal längere Zeit, d. h. zirka zwei Wochen, im Hause von Otto Köhler in Chemnitz. Köhler, der über eine eigene, in den 1960er Jahren weitestgehend zerschlagene Kunstsammlung verfügte, beherbergte regelmäßig Künstler in seinem Haus, die das in seinem Haus eingerichtete Atelier nutzen konnten. Sie trugen sich genau wie Dix in Köhlers Gästebuch ein, das die Freundschaft des Arztes zu zahlreichen Künstlern bezeugt, von denen viele aus der Chemnitzer Region stammten. Insgesamt mehr als 70 Seiten umfasst das Buch. Bei dem ersten Künstler, der sich je in diesem Buch eintrug, handelt es sich um Dix’ Bekannten, den Maler des Magischen Realismus Franz Radziwill, dessen von Dix gemaltes Porträt im Streifenpulli oben erwähnt wurde und von dem sich Einträge bis ins letzte Jahr 1941, das das Gästebuch dokumentiert, erhalten haben. Zu den Themen, die von Künstlern, die bei Köhler zu Gast waren, häufig im Gästebuch behandelt wurden, zählte die großzügige Gastfreundschaft, die sie in dem Haus des Chemnitzer Arztes kurz vor sowie während des Zweiten Weltkriegs erfuhren [vgl. z. B. Dix’ Tochter Nelly, Gedeckter Tisch, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1941, Tusche und Stift, 24 x 17,2cm, Privatbesitz]. Darüber hinaus taucht das Thema der Jagd auf, zu der neben Dix auch viele andere Künstler zusammen mit Köhler in die nahen Waldgebiete aufbrachen [vgl. z. B. Friedrich Heubner, Jagdwappen, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1930, Feder und Tusche, 24 x 17,2 cm, Privatbesitz].

Porträts von sich und anderen

Bei Dix’ erstem Eintrag in das Gästebuch anlässlich seines Aufenthalts 1933 handelt es sich, wohl nicht ganz unprogrammatisch, um ein Selbstbildnis. Das im Juli des Jahres entstandene Blatt wurde zu einem späteren Zeitpunkt aus dem Gästebuch entfernt und gehört heute zur Kollektion des Zeppelin Museums Friedrichshafen [Otto Dix, Selbstbildnis, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1934, Bleistiftzeichnung, 26,3 x 16,1 cm, Zeppelin Museum Friedrichshafen – Technik und Kunst]. Im Dreiviertelprofil dargestellt, schaut der Maler in der Zeichnung mit ernster Miene, wobei die leicht zusammengekniffenen Augen in auffällig dunklen Augenhöhlen verschwinden. In dem Gästebuch war das Porträt auf der gegenüberliegenden Seite mit der eingeklebten Abbildung eines sehr viel früheren Selbstporträts von Dix konfrontiert, nämlich dem bekannten Selbstbildnis mit Nelke aus dem Jahr 1912 [Otto Dix, Selbstbildnis mit Nelke, 1912, Öl auf Leinwand, 73 x 50 cm, Institute of Arts, Detroit]. Ernst und selbstbewusst, mit der im Bildtitel erwähnten Blume in der Hand, schaut Dix darauf den Betrachter an. Bei dem Werk handelt es sich um ein frühes Hauptwerk des Künstlers, in dem er sich eng an die Epoche der Renaissance und einen in jener Zeit verwendeten Porträttypus anlehnt. Als Vergleichsbeispiel sei hier auf ein Gemälde des Malers und Zeichners Hans Baldung Grien verwiesen, einem aus der Stuttgarter Gegend stammenden Zeitgenossen von Albrecht Dürer, der Anfang des 16. Jahrhunderts v. a. in Nürnberg und Straßburg tätig war und den Dix sehr bewunderte [Hans Baldung Grien, Bildnis eines 29-jährigen Mannes (Selbstporträt?), 1526, Öl auf Lindenholz, 67,4 x 54,8 cm, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg]. Wie bei Dix handelt es sich auch bei Baldung Griens Werk wahrscheinlich um ein Selbstbildnis. Was beide Werke vereint, ist der neutrale, farbige Hintergrund, die Schrift bzw. Signatur oben links, v. a. aber der direkte, forschende Blick, mit dem der Dargestellte den Betrachter zu fixieren scheint. Ob es Dix selbst war, der die Abbildung seines Porträts mit Nelke neben sein Selbstporträt aus dem Jahre 1933 in das Gästebuch klebte, oder ob sein Gastgeber Köhler dies tat, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Die Gattung des Porträts und hier besonders des Auftragsporträts, wie es uns bereits mit Dix’ Porträts von Paula und Otto Köhler begegnet ist, bildet das Thema eines weiteren Gästebucheintrags von Dix. Bereits 1934 und somit ein Jahr nach seinem ersten Aufenthalt im Hause der Köhlers kehrte er in deren Haushalt zurück und richtete sich im Köhler’schen Gästezimmer ein Atelier ein. In eben diesem Atelier arbeitend, zeigte er sich in einer Zeichnung im Gästebuch, die er mit der Überschrift „In diesem gastlichen Hause hatte ich meine Werkstatt aufgemacht“ versah [Otto Dix, Selbstbildnis an der Staffelei, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1934, Feder in Tusche, 24 x 17,2 cm, Privatbesitz]. Der Künstler ist in Rückenansicht zu sehen und sitzt, den Malstock in der Hand, auf einem Hocker vor der Staffelei. Bei dem Gemälde, an dem er gerade arbeitet, handelt es sich um ein Porträt, das man (auch wenn das Original zerstört ist und sich nur noch ein Vorzeichnungskarton erhalten hat) heute noch identifizieren kann. Es zeigt Werner Niescher, den jugendlichen Neffen des Chemnitzer Industriellen Fritz Niescher, der einer der maßgeblichen Förderer Dix’ in der Zeit von 1933 bis 1945 war [Otto Dix, Vorzeichnung des Porträts von Werner Niescher, 1934, Kohle und Rötel auf Papier, 63 x 55 cm, Privatbesitz]. Niescher erteilte Dix unter anderem den Auftrag für die Ausstattung seines Chemnitzer Gartenpavillons mit Wandmalereien, die in Dix’ Werk eine Ausnahmestellung einnehmen[6]. Der Margarinefabrikant gab jedoch auch mehrere Porträts bei Dix in Auftrag und vermittelte ihm darüber hinaus Porträtaufträge aus seinem Verwandtenkreis. Die so entstandenen Porträts zeichnen sich dabei um eine kaum verzerrte, in Teilen idealisierte Darstellungsweise aus. Einige, wie das Porträt der drei Schwestern von Werner Niescher [Otto Dix, Porträt der drei Schwestern Niescher, 1936, Öl auf Holz, 100 x 100 cm, Privatbesitz], zeigen dabei die ausnehmende Stilvielfalt, die Dix’ Werk aufweist und liegen heute geradezu erschreckend nah am traditionellen, akademisch-konservativen Stil, der seinerzeit von den Nationalsozialisten gefördert wurde.

Der Blick in die Landschaft

Bei einigen der Porträts, an denen Dix während seiner Aufenthalte bei Otto Köhler arbeitete, spielte die Darstellung von Landschaft eine Rolle. Auf einem von ihnen, dem Porträt der Familie von Fritz Niescher [Otto Dix, Familienporträt Fritz, Ilse und Ursula Niescher, 1936, Mischtechnik auf Holz, 150 x 125 cm, Sammlung Niescher, Aachen], aber auch bereits auf dem oben erwähnten Porträt der Niescher-Schwestern werden die Dargestellten in eine Landschaft eingebettet. Bei dieser scheint es sich um keine reale Landschaft z. B. aus der Gegend von Chemnitz zu handeln, sondern um eine idealisierte Landschaft, die in Anlehnung an Landschaftsdarstellungen aus der Zeit der Renaissance entstand. Seit seinem Rückzug an den Bodensee nach der Machtergreifung 1933, durch den Dix, der eigentlich ein Großstadtmensch war, sich mit einem zutiefst ländlichen Umfeld konfrontiert sah, widmete sich der Künstler mehr als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seines Schaffens der Landschaftsmalerei. Von Dix’ nicht ganz freiwilliger Hinwendung zur Landschaft, an die er sich erst gewöhnen musste, zeugt auch das Köhler’sche Gästebuch, in das er sich 1934 mit der Zeichnung einer hügeligen Landschaft einträgt. Dargestellt ist diesmal keine idealisierte Landschaft, der sich Dix erst später zuwandte, sondern eine konkrete, heute noch existierende Festungsanlage auf einem Berg, zu der sich ein links vorn einsetzender Weg schlängelt, der an abgestorbenen Bäumen und Ruinen vorbeiführt [Otto Dix, Hohentwiel, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1934, Feder in Tusche, 24 x 17,2 cm, Privatbesitz]. Auch hier handelt es sich nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, um eine Landschaft aus der Chemnitzer Gegend, die Dix ja nachweislich zusammen mit Köhler bei Jagdausflügen erkundete. Stattdessen gab Dix in einer Inschrift rechts unten auf dem Gästebuchblatt einen Hinweis darauf, welchen Ort seine Zeichnung zeigt: die Festung Hohentwiel in seiner ab 1933 neuen Heimat, der Gegend am Bodensee. Dass Dix während seines Chemnitzer Aufenthalts eine Zeichnung einer knapp 600 km entfernten süddeutschen Landschaft anfertigte, geschah letztlich wahrscheinlich nicht aus Zufall. Bei dem Gästebucheintrag handelt es sich um eine Studie zu einer Reihe von Gemälden, in denen Dix die Burganlage abbildete und von denen exemplarisch auf das Landschaftsgemälde Randegg mit Hohentwiel von 1936 verwiesen werden soll [Otto Dix, Randegg mit Hohentwiel, 1936, Mischtechnik, 61 x 71,2 cm, Otto Dix Stiftung, Vaduz]. Die Zeichnung im Köhler’schen Buch zeigt, dass das Gästebuch für Dix auch ein Ort für vorbereitende Zeichnungen für größere Arbeiten, die er in Zukunft anfertigen wollte, darstellte. Die Einträge liefern also einen Einblick in sein Schaffen auch über die Seiten des Gästebuchs hinaus.

Aufschwung der Heiligen

1935 befand sich Dix erneut in Chemnitz und trug im Gästebuch die Porträtzeichnung eines alten, bärtigen Mannes ein [Otto Dix, Bildnis eines alten Mannes, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1935, Feder in Tusche, 24 x 17,2 cm, Privatbesitz]. Ob es sich bei dem Dargestellten um eine reale Person handelt, der Dix in Chemnitz begegnet war, ist unbekannt. Auch bei dem Blatt des alten Mannes aus dem Chemnitzer Gästebuch ist festzustellen, dass Ähnlichkeiten mit Werken, die erst später entstanden, zu beobachten sind. Darstellungen betagter Männer wurden für Dix gerade dann als Motiv interessant, als er sich, was ab ungefähr 1937 der Fall war, in seinen Werken intensiv mit der Darstellung von Heiligenlegenden auseinandersetzte[7]. Insbesondere zwei Legenden, die jeweils bereits die alten Meister inspiriert hatten, waren es dabei, die Dix besonders interessierten. Eine davon war die Legende des Heiligen Antonius, dem Dix mehrere Werke widmete und von dem er u. a. eine kleinformatige Darstellung schuf [Otto Dix, Versuchung des Heiligen Antonius II (kleine Fassung), 1940, Mischtechnik auf Hartfaserplatte, 40 x 32 cm, Privatbesitz]. Links vorn auf dem Boden sitzend und in seinen Gesichtszügen an den Alten aus dem Chemnitzer Gästebuch erinnernd, ist auf dieser der bärtige Heilige dargestellt, der all seinen Besitz verkaufte, um fortan als Einsiedler in der Wüste zu leben. Während seines Lebens als Eremit überfielen ihn Visionen, in denen ihm der Teufel in Form dämonischer Gestalten oder verführerischer Frauen erscheint, die ihn vom rechten Weg zu Gott abbringen wollen. Was jedoch nicht geschieht: Stoisch bleibt er auf der Erde hocken, mit dem Kreuz in der Hand. Dix lasst seinen Heiligen Antonius die sündigen Gefahren, die sich in seinem Rücken aufbauen und ihn von hinten zu übermannen drohen, auf seinem Gemälde buchstäblich aussitzen.

Insgesamt sechs Gemälde widmete Dix der aus der Legenda aurea bekannten Geschichte des Heiligen Antonius, die den Begründer des christlichen Mönchtums jeweils als bärtigen Alten, wie er von dem Künstler bereits zuvor im Chemnitzer Gästebuch dargestellt wurde, zeigen. Ebenfalls sechs Gemälde schuf Otto Dix von dem Heiligen Christophorus, dem er auch einen Gästebucheintrag widmete [Otto Dix, Der Heilige Christophorus, Blatt aus dem Gästebuch von Otto Köhler, 1938, Feder in Tusche, 24 x 17,2 cm, Privatbesitz]. Darin gezeigt wird der Heilige Christophorus, wie er – der Legende nach ohne sein Wissen – beim Durchschreiten eines großen Flusses das Christuskind auf seinem Rücken trug. Das Kind wurde im Laufe der Überquerens immer schwerer und lastete Christophorus letztendlich das ganze Gewicht der Erde auf die Schultern. Trotzdem gelang es Christophorus, das rettende Ufer zu erreichen.

Bereits Mitte der 20er Jahre beschäftigte sich Dix mit der Christophorus-Legende und bildete den Heiligen Christophorus in einem Kinderbuch ab, das er für seine Stieftochter Hana schuf[8]. Nach 1937 begann eine intensive Auseinandersetzung mit dem Bildmotiv. Dabei war der Heilige Christophorus bereits ein jahrhundertelang von Künstlern häufig dargestelltes Motiv der bildenden Kunst, das u. a. der bereits erwähnte, für Dix wichtige Hans Baldung Grien behandelte [vgl. u. a. Hans Baldung Grien, Der Heilige Christophorus, um 1505/1507, Holzschnitt]. Der Heilige Christophorus wird in den Werken, die sich seiner Legende widmen, stets als in einen Umhang gehüllter Riese dargestellt. Meist ist er auf einen langen Stock bzw. entwurzelten Baum gestützt. Dix’ fertigte seine Gästebuchzeichnung zu dem Heiligen 1938 an, als er sich bei den Köhlers in Chemnitz aufhielt und an dem Porträt von Paula Köhler arbeitete. Ganz offenbar hat er bereits zu diesem Zeitpunkt eine Variante des Christophorus-Themas im Kopf, die er aber erneut erst später, im darauffolgenden Jahr 1939, verwirklichen sollte und zu dem der Gästebucheintrag als Vorzeichnung gelten kann [Otto Dix, Der Heilige Christophorus III, 1939, Mischtechnik auf Holz, 163 x 133 cm, Kunstsammlung Gera]. Lediglich die Hintergrundgestaltung ist verschieden, der tiefe Horizont der Gästebucheintrags wurde im Ölbild zu einer detailliert ausgeführten Berglandschaft. Das Gemälde, das Dix später als „bissel süß, bissel süß“[9] beurteilen sollte, entstand im Auftrag seines Geraer Sammlers Wilhelm Zersch, was erneut Dix’ enge Bindung an Mäzene aus der thüringischen Gegend in der Zeit der inneren Emigration unterstreicht.Im selben Jahr 1938, als Dix den Heiligen Christophorus in das Köhler’sche Gästebuch eintrug, erhielt er noch einmal die Chance einer Einzelausstellung[10]. Diese fand nicht auf deutschem Boden, sondern in der Schweiz, im Zürcher Kunstsalon Wolfsberg, statt. Ein Jahr vor Kriegsausbruch wurde hier das großformatige, das Grauen des Ersten Weltkriegs darstellende Gemälde Flandern gezeigt [Otto Dix, Flandern, 1934-1936, Öl und Tempera auf Leinwand, 200 x 250 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie]. Doch nicht dieses Werk war es, das im Zentrum der Zürcher Ausstellung stand, sondern ein Gemälde, das Dix dem Heiligen Christophorus widmete[11]. In Anlehnung an dieses Werk entstand auch das als Farblithographie ausgeführte Plakat der Ausstellung [Otto Dix, Plakat der Einzelausstellung Kunstsalon Wolfsberg, 1938, Farblithografie, ca. 96,5 x 91,5 cm, Privatbesitz]. Dix, der selbst kein gläubiger Mensch war und an Heiligenlegenden und biblischen Motiven lediglich deren allgemeine Verständlichkeit, durch die sich Bildinhalte vermitteln ließen, schätzte, zeigt hier das segnende Christuskind noch einmal in Nahsicht. Plakativ im wahrsten Sinne des Wortes erhebt der Heilige Christophorus seine Hand schützend in Richtung des Kindes. Entgegen der Legende, in der der Heilige den Christus auf seiner Schulter nicht erkennt, hat Dix’ Christophorus das Kind fest im Blick. Dem in grellen, heutzutage irritierenden Rottönen gemalten Mann scheint seine Rolle als Weltenretter durchaus bewusst.

Kritiker der Ausstellung in der Zürcher Galerie Wolfsberg zogen von der Darstellung des Heiligen Christophorus auf dem Plakat eine Parallele zu einem im Jahr 1930 entstandenen Gemälde von Dix, nämlich dem Selbstbildnis mit Jan [1930, Mischtechnik, 119 x 90 cm, Dauerleihgabe aus Privatbesitz im Kunstmuseum Stuttgart]. Dix präsentiert sich hier einige Jahre vor der Machtergreifung als Maler, den Pinsel in der Hand[12]. Er ist in leichter Untersicht dargestellt und hält seinen jüngsten Sohn Jan auf der Schulter, und zwar mit einer Geste, die der des Christophorus auf dem Plakat entspricht. Die Kritik der Ausstellung in Zürich 1938 erkannte die Ähnlichkeit zwischen den beiden Werken sofort und griff sie in einem Vergleich auf. So schrieb Peter Thoene in seiner Kritik zu der Ausstellung in direkter Anspielung auf Dix’ Darstellung seiner selbst mit seinem Sohn auf der Schulter: „Christophorus-Dix, der die Kunst zu tragen sucht an einem Ort, wo ihr Gewicht erdrückt, da ihre Visionen verlacht sind.“[13] Mit diesem Zitat setzte der Kritiker zum einen den Heiligen Christophorus mit Dix gleich; zum anderen sah er es als Dix’ Ziel an, während der Zeit des Nationalsozialismus die Kunst zu retten. Die hier genannte Beschränkung auf die Kunst, die gerettet werden soll, bleibt dabei jedoch zu eng gefasst. Darauf weist ein schriftlicher Vermerk, den Dix seiner Christophorus-Zeichnung im Chemnitzer Gästebuch 1938 hinzufügte, hin. Zu lesen ist hier am unteren rechten Bildrand: „Er diente dem Stärksten – dem Geist.“ Wem Christophorus zu dienen hat, wenn nicht der Kunst selbst, erschließt sich in diesem Kontext nicht auf den ersten Blick, das Wort „Geist“ bleibt vielschichtig. Dass Dix in dem christlichen Kontext der Heiligenlegende auf den Geist der Kirche bzw. den heiligen Geist anspielte, wie man vielleicht intuitiv meinen könnte, erscheint vor dem Hintergrund, dass Dix, wie bereits erwähnt, kein gläubiger Mensch war, unwahrscheinlich. Näher zu untersuchen wäre, inwiefern Dix hier an einen Autor erinnern will, den er selbst sehr schätzte, nämlich Friedrich Nietzsche[14]. Für Nietzsche hatte der „Geist“, insbesondere der „freie Geist“ eine besondere Bedeutung. Er widmet sich ihm z. B. Ende des 19. Jahrhunderts in seiner Schrift „Also sprach Zarathustra“, in der die Titelfigur Zarathustra als Verfechter des Geistes bzw. vielmehr des freien Geists beschrieben wird, der von allen sozialen Erwartungen losgelöst auf der Suche nach der Wahrheit ist. Unschwer ließe sich in dieser Suche Nietzsches eine Parallele zu der Situation ziehen, in der sich Dix selbst 1938 in seinem inneren Exil befand. Trotz der widrigen Umstände und seiner Einstufung als entarteter Künstler durch die Nationalsozialisten versuchte er sein Schaffen weiterzuführen und durch für jedermann verständliche Motive aus seinerzeit allseits bekannten Heiligenlegenden allgemeingültige, immerwährende Werte zu vermitteln.

Der Gästebucheintrag aus dem Jahr 1938, in dem Dix das für ihn in jener Zeit so wichtige Thema der Heiligen Christophorus behandelte, ist nicht ganz, aber doch fast der letzte Eintrag des Künstlers in dem Buch. 1941 kehrte Dix noch einmal zu Köhler nach Chemnitz zurück. Im Vordergrund stand bei diesem zweieinhalbwöchigen Aufenthalt zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter jedoch nicht das Arbeiten, sondern die Teilnahme an der Jagd. Auch später und noch lange nach dem Krieg brach das freundschaftliche Verhältnis, das Köhler und Dix verband, nicht ab. Bis zu ihrem Lebensende blieben sie in Kontakt. Das Gästebuch erfasst die Anfangsphase ihrer Freundschaft und dokumentiert gleichzeitig den Wandel in Dix’ Bildthemen nach der Machtergreifung 1933 – in dem die Wichtigkeit des Auftragsporträts wuchs, Landschafts- und Heiligenlegenden eine weder zuvor noch danach erlangte Bedeutung erreichten und in der der Rückbezug auf die alten Meister eine unübersehbare Rolle spielte – so komprimiert wie eindrucksvoll in all ihren Phasen.


[1] Zu dieser Schaffensphase bei Dix vgl. u. a. Rainer Beck, „„Flucht ist immer falsch“. Inneres Exil als Emigration. Otto Dix im Dritten Reich“, in Geschichte und bildende Kunst, hrsg. v. Moshe Zuckermann im Auftrag des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv, Göttingen, Wallstein, 2006, S. 149-178; Otto Dix, Werke von 1933 bis 1969, hrsg. v. Christoph Bauer, Ausstellungskat., Städtisches Kunstmuseum Singen, Köln,Wienand, 2003; Steve Plumb, „„Continuity through „Inner Emigration“. Neue Sachlichkeit, National Socialism, and aspects of the work of Otto Dix“, in Neue Sachlichkeit and Avant-garde, hrsg. v. Ralf Grüttemeier et al., Amsterdam, Rodopi, 2013, S. 255-272.

[2] Grundlegend zu dem Gästebuch vgl. Thomas Bauer-Friedrich, „Die Familie Dr. Otto Köhler als Freunde und Sammler von Otto Dix in Chemnitz“, in Otto Dix in Chemnitz, hrsg. v. Ingrid Mössinger u. Thomas Bauer-Friedrich, Ausstellungskat., Chemnitz, Museum Gunzenhauser, München, Hirmer, 2013, S. 43-60. Mein Dank für ihre Hilfe bei der Entstehung dieses Beitrags geht an Anja Richter vom Museum Gunzenhauser sowie an Matthias Braune, Enkel von Otto Köhler.

[3] Zur Hängung der zwei Gemälde vgl. ein Foto des Esszimmers der Köhlers, Kat. Chemnitz, 2013, op. cit., S. 57.

[4] Zu Dix’ Porträts vgl. u. a. Getroffen. Otto Dix und die Kunst des Porträts, hrsg. v. Marion Ackmermann, Ausstellungskat., Stuttgart, Kunstmuseum, Köln, DuMont, 2007; John-Paul Stonard, „Otto Dix and portraiture“, in The Burlington magazine, Bd. 150, Heft 1263, 2008, S. 428-430.

[5] Vgl. Aude Briau, „Bildnis des Malers Franz Radziwill, 1928“, in Otto Dix – Isenheimer Altar, hrsg. v. Frédérique Goerig-Hergott, Ausstellungskat., Colmar, Musée Unterlinden, Paris, Hazan, 2016.

[6] Zu Fritz Niescher als Förderer von Otto Dix vgl. Thomas Bauer-Friedrich, „„Da haben Sie aber einen Schatz an Zeichnungen…“. Fritz Niescher und Otto Dix. Eine besondere Sammler-Künstler-Freundschaft vor dem Hintergrund deutscher Geschichte zwischen 1933 und 1969“, in Kat. Chemnitz, 2013, op. cit., S. 95-116 u. ders., „„Ein Rätsel ist  Reinentsprungenes.“ Otto Dix’ Chemnitzer Wandgemälde Orpheus und die Tiere“, in ibid., S. 119-142.

[7] Zu Dix’ Auseinandersetzung mit dem Heiligen Antonius und dem Heiligen Christophorus vgl. u. a. Ulrike Rüdiger, Kunstsammlung Gera – Otto Dix Haus. Otto Dix. Der Heilige Christophorus IV, hrsg. v. der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit der Kunstsammlung Gera, Kunstsammlung Gera, 1997; Birgit Schwarz, „Saint Antoine et l’imagination créatrice“, in: Otto Dix et les maîtres anciens, Ausstellungskat., Colmar, Musée Unterlinden, 1996, S. 95-109.

[8] Zu den Kinderbüchern von Otto Dix vgl. Marie Gispert, Les livres pour enfants d’Otto Dix. Essai de synthèse, Beitrag zum Studientag 2016 in Colmar.

[9] Zit. nach Rüdiger, 1997, op. cit., S. 13.

[10] Zu der Ausstellung vgl. Felix Graf, „Otto Dix im Kunstsalon Wolfsberg“, in Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 70, Nr. 4, 2013, S. 259-266.

[11] Ibid., S. 263.

[12] Vgl. Rüdiger, 1997, op. cit., S. 12-26.

[13] Peter Thoene, „Bemerkungen über die deutsche Malerei der Gegenwart. Zu den Ausstellungen von Otto Dix und Max Beckmann“, in Das Werk: Architektur und Kunst, Bd. 25, Heft 11, 1938, S. 346.

[14] Zu dem Themenkomplex „Dix und Nietzsche“ vgl. u. a. Otto Conzelmann, Der andere Dix. Ein Bild vom Menschen und vom Krieg, Stuttgart, Klett-Cotta, 1983, S. 211-215; Wolfgang Wiemer, „Der Gekreuzigte. Otto Dix und Nietzsche“, in Weltkunst, 8, September 2002, S. 1270-1271; Flavien Le Bouter, Un peintre dionysiaque. L’influence de Friedrich Nietzsche sur l’œuvre d’Otto Dix, Beitrag des Studientags 2016 in Colmar.