Stillleben mit Papagei

Ab 1904 wandte sich der ausgebildete Bühnen- und Dekorationsmaler Robert Delaunay der Kunstmalerei zu.
Der Autodidakt mit einem Faible für Technik und Natur interessierte sich für die zeitgenössische Malerei, den
Impressionismus, die Nabis, deren Mitglieder er in Pont-Aven traf, den Japonismus und den Pointillismus. Die
Entwicklung seiner Malpraxis lässt sich anhand seiner Einsendungen für den „Salon des artistes indépendants“
in den Jahren 1904 bis 1914 nachvollziehen.
Um 1906/07 zeigt Delaunays Werk eine neoimpressionistische Phase, in der er vor allem Stillleben und Porträts schafft, das Werk von Georges Seurat studiert und sich mit den Farbtheorien nach Michel-Eugène Chevreul und Ogden Rood
auseinandersetzt.
Stillleben mit Papagei – von dem Gemälde befindet sich eine musivisch gestaltete Version im Museum Thyssen-
Bornemisza in Madrid – stammt aus dieser Periode der Annäherung an dieses Bildgenre und die Farbtheorien.
Das Sujet wird wie ein Objekt behandelt und in einem nahezu erdrückend schmalen Bildausschnitt präsentiert. Sein Hauptaugenmerk gilt der Wiedergabe der vom Licht erzeugten Formen. Die Reflexionen auf den Gegenständen und die Schatten sind ihm ebenso wichtig wie die dadurch entstehenden Formen, die hier zu eigenständigen Motiven werden. Delaunay wendet Chevreuls Theorie über den Simultankontrast der Farben an, indem er Tupfer reiner Primärfarben
nebeneinandersetzt. Bei den Pflanzen und dem Papagei geschieht dies mosaikhaft, das Auge rekonstruiert deren Formen. Ihm gelingt die Synthese zwischen der Aufteilung der Farbe im Divisionismus und der freien, wilden Malgeste.
Diese frühe Komposition aus reinen Farben kündet bereits von seinem wachsendem Interesse an der Farbe als einziges Subjekt der Malerei und weist auf sein künftiges Vokabular voraus. 1912 formuliert Delaunay in einem von Pierre Francastel veröffentlichten Text die Idee eines Gemäldes, das technisch gesehen allein auf der Farbe und den  Farbkontrasten beruht, die gleichzeitig und mit einem Mal wahrgenommen werden. Kein Künstler in Frankreich, nicht einmal die Fauves, hatten einen solchen Schritt gewagt. Die Farbe würde sich selbst genügen und alle anderen malerischen Mittel ersetzen, würde Form, Komposition und Sujet zugleich darstellen. Daraus leitete sich eine moderne Kunst ab, die nicht mehr beschreibend, sondern konstruktivistisch war und den Begründern der abstrakten Kunst die Voraussetzung für die Ablehnung des Realismus lieferte. Delaunays Werk findet sehr bald auch in weiteren europäischen Ländern Beachtung. Die Folge sind zahlreiche Ausstellungen im Ausland, vor allem mit den Künstlern des Blauen Reiters in München im Jahr 1911 und der Gruppe Der Sturm 1913 in Berlin.

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